Im Stasi-Unterlagen-Archiv: Ein Fenster in die vom Staat überwachten Leben

Die meisten Familienforscher verbringen ihre Zeit damit, Kirchenbücher, Standesamtsunterlagen und Volkszählungslisten zu durchsuchen. Doch Archive weltweit bewahren noch viele andere Dokumentarten, die überraschende Details über das Leben unserer Vorfahren offenbaren können. In dieser Serie möchten wir von GenealogyDirect bemerkenswerte Archive vorstellen, die nicht nur historisch bedeutend, sondern auch faszinierende Orte für einen Besuch sind. Eines der eindrucksvollsten Beispiele ist das Stasi-Unterlagen-Archiv in Berlin, in dem Millionen von Dokumenten zeigen, wie die ostdeutsche Geheimpolizei den Alltag während des Kalten Krieges überwachte.

Written by GenealogyDirect

Ein Archiv des Kalten Krieges im ehemaligen Stasi-Hauptquartier

In Berlin-Lichtenberg befinden sich im ehemaligen Hauptquartier der ostdeutschen Geheimpolizei noch heute die Unterlagen, die von der dort tätigen Organisation selbst angelegt wurden. Das Stasi-Unterlagen-Archiv, das heute zum Bundesarchiv gehört, hat seinen zentralen Archivstandort auf dem historischen Gelände des Ministeriums für Staatssicherheit, allgemein bekannt als Stasi.

Der Umfang des erhaltenen Materials vermittelt einen Eindruck davon, wie umfassend die Stasi die ostdeutsche Gesellschaft dokumentierte. An den verschiedenen Archivstandorten sind mehr als 111 Kilometer Akten erhalten geblieben, dazu über 1,7 Millionen Fotografien, Karteikarten, Filme, Tonaufnahmen und Mikrofiches. Allein im Berliner Archiv lagern fast 50 Kilometer Unterlagen.

Auch der historische Ort selbst macht die Sammlung besonders eindrucksvoll. Das Archiv befindet sich teilweise auf dem Gelände des ehemaligen Stasi-Hauptquartiers. Im benachbarten Haus 1 sind die erhaltenen Diensträume von Erich Mielke zu sehen, der viele Jahre Minister für Staatssicherheit war. Diese Räume gehören heute zum Stasimuseum.

Als Überwachung zum Archiv wurde

Von 1950 bis zum Zusammenbruch des ostdeutschen Regimes im Jahr 1989 sammelte die Stasi enorme Mengen an Informationen durch Überwachung, Informanten, abgefangene Kommunikation und Ermittlungen. Die daraus entstandenen Akten können Arbeitsplätze, Freundschaften, Reisen, Korrespondenz und Begegnungen dokumentieren, die in klassischen genealogischen Quellen nur selten auftauchen.

Dass diese Unterlagen erhalten geblieben sind, war keineswegs selbstverständlich. Als die ostdeutsche Regierung 1989 zu zerfallen begann, vernichteten Stasi-Mitarbeiter Dokumente, indem sie diese schredderten, verbrannten oder von Hand zerrissen. Ab Dezember 1989 besetzten Bürger Stasi-Dienststellen in mehreren Städten und stoppten die Vernichtung schrittweise. Am 15. Januar 1990 drangen Demonstrierende in die Berliner Zentrale ein und trugen damit dazu bei, Unterlagen zu sichern, die später Teil des heutigen Archivs wurden.

Was Familienforscher dort finden können

Für Familienforscher kann eine Stasi-Akte eine ganz andere Art von Beleg enthalten als eine Geburtsurkunde oder ein Kirchenbuch. Je nachdem, warum eine Person ins Blickfeld der Behörden geraten war, können Unterlagen Informationen über Beschäftigung, Bewegungen, Treffen und persönliche Kontakte enthalten. Auch Fotografien, Korrespondenz und Angaben von Informanten können überliefert sein.

Diese Unterlagen sollten mit Vorsicht gelesen werden. Sie wurden von einer Überwachungsorganisation für deren eigene Zwecke erstellt. Aussagen in den Akten sollten deshalb als Hinweise betrachtet werden, die geprüft werden müssen, und nicht automatisch als gesicherte Tatsachen. Dennoch kann eine Akte einen Verwandten in ein detailliertes Netzwerk aus Kollegen, Nachbarn, Freunden und Familienmitgliedern einordnen und Zusammenhänge sichtbar machen, die in traditionellen Quellen oft fehlen.

Kann man die Stasi-Akte eines Verwandten einsehen?

Ein Zugang ist möglich, allerdings gelten strengere Regeln als in vielen klassischen Archiven. Jede Person kann Einsicht in Unterlagen beantragen, die die Stasi über sie selbst gesammelt hat. Akten über verstorbene oder vermisste Personen sind grundsätzlich geschützt, wobei es bestimmte Ausnahmen für nahe Angehörige wie Ehepartner, Kinder, Enkelkinder und Geschwister gibt.

Für Angehörige reicht ein rein genealogisches Interesse nicht automatisch aus, um Zugang zu erhalten. Antragsteller müssen in der Regel ein berechtigtes Interesse nachweisen, das mit Ereignissen oder staatlichen Maßnahmen in der DDR zusammenhängt. Zusätzlich sind Nachweise über das Verwandtschaftsverhältnis sowie über Tod oder Verschwinden der betreffenden Person erforderlich. Das Bundesarchiv erläutert die Voraussetzungen und stellt die entsprechenden Formulare auf seiner Seite Access for Private Individuals bereit.

Unterlagen, die nie für Familienforschung gedacht waren

Die Stasi legte diese Akten an, um Informationen zu sammeln und politische Kontrolle auszuüben. Jahrzehnte später können dieselben Unterlagen dabei helfen, Lebenswege zu rekonstruieren, von denen in offiziellen Quellen nur verstreute Spuren geblieben sind. Ihr Wert liegt teilweise in dieser ungewöhnlichen Perspektive: Die Organisation hielt Details fest, die sie damals für relevant hielt, und genau diese Angaben können Forschern heute helfen zu verstehen, wo jemand arbeitete, mit wem die Person Kontakt hatte und wie das politische System in den Alltag eingriff.

Damit ist das Stasi-Unterlagen-Archiv eine ungewöhnliche Quelle für Familienforschung zum Deutschland des 20. Jahrhunderts. Es erinnert zugleich daran, dass besonders aufschlussreiche Informationen über Vorfahren manchmal weit außerhalb der Archive zu finden sind, die wir normalerweise mit Genealogie verbinden.